30 Jahre Gleichstellungsarbeit

Auf dem Bild (v.l.):  Elisa Spreemann/Ahlen, Monika Björklund/Beckum, Ingeborg Seliger/Ennigerloh, Margarete Götker/Ostbevern, Daniela Eggenstein/Oelde, Manuela Stumpe/Sassenberg, Martina Bäcker/Sendenhorst, Silke Russow/Drensteinfurt, Dr. Stefanie Reitzig/Telgte.

Ein Interview über 30 Jahre Arbeit in der Gleichstellung mit Manuela Stumpe (Stadt Sassenberg), der langjährigsten Gleichstellungsbeauftragten im Kreis Warendorf, anlässlich Ihrer Pensionierung. Das Interview führte Daniela Eggenstein, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Oelde.

Liebe Manuela Stumpe, was ist das Entscheidendste gewesen, im Rückblick auf Ihre

30-jährige Gleichstellungsarbeit?

Was mich wirklich weitergebracht hat, war der Kontakt mit anderen Menschen, Kolleginnen,

Politikerinnen. Der größte Benefit, den ich daraus mitnehme ist, dass ich meinen eigenen

Horizont erweitern konnte. 

 

Welche Menschen spielten dabei eine besondere Rolle?

Meine damalige Ahlener Gleichstellungskollegin und heutige Geschäftsführerin von kulturelle

e.V., Christa Paschert-Engelke ist eine wichtige Wegbegleiterin, aber auch durch die

Zusammenarbeit mit Marithres van Bürk-Opahle von „Frau und Beruf“, dem damaligen

Verein für die Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen im Kreis Warendorf, erhielt ich

wichtige Impulse. Interessante Dozentinnen und Dozenten wurden zu Vorträgen eingeladen.

Ich habe aber auch ein gutes Verhältnis zu meinem gesamten Kollegenkreis. Dies ist wichtig

für die Arbeit. 

 

 

Wie gestaltete sich der Anfang?

Durch die Novellierung der Kommunalverfassung im Oktober 1994 bestand die Pflicht für

Kommunen eine hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte zu beschäftigen. 1995 kam ich

aus der Elternzeit und übernahm diese Aufgabe, als erste bei der Stadt Sassenberg. Ich

habe mich dann selbstständig in die Aufgaben eingefunden, damals gab es noch keine

Seminare für Gleichstellungsbeauftragte, keine Vernetzung, keine Arbeitskreise, keinen

Runden Tisch gegen Gewalt. So habe ich angefangen, Informationen zusammenzutragen,

Kontakte zu knüpfen und Netzwerke zu bilden. 

Innerhalb der Verwaltung waren die meisten Frauen als Schreibkräfte oder

Sachbearbeiterinnen tätig. In der Hinsicht gab es viel Entwicklung in den letzten 30 Jahren.

Viele Frauen sind nach und nach auch in gehobenen Positionen hinzugekommen, früher

blieben sie auf der unteren Sachbearbeitungsebene. In der gehobenen Führungsebene

waren damals nur Männer zu finden. Noch immer gibt es mehr Männer in Führung, aber die

Entwicklung geht hin zur Gleichstellung, inzwischen arbeiten auch durchaus gut bezahlte

Frauen in der Verwaltung.

 

 

Was waren noch Herausforderungen, neben dieser Pionierarbeit?

Dadurch, dass ich mit weiteren Stellenanteilen immer noch in anderen Bereichen der

Verwaltung gearbeitet habe, musste ich immer sehr darauf achten, dass auch noch Zeit für

die Gleichstellungsarbeit übrigblieb. Das war nicht immer leicht und die Gleichstellungsarbeit

ist oft zu kurz gekommen. Es freut mich daher sehr, dass meine Nachfolgerin nun eine etwas

höhere feste Stundenanzahl für die Gleichstellungsarbeit zur Verfügung hat. Dies war mir ein

Anliegen, für das ich mich sehr eingesetzt habe. 

 

 

Was war Ihr schönstes Projekt?

Die Kabarettveranstaltungen haben mir viel Freude gemacht, sie waren aber auch sehr

arbeitsaufwändig. Früher war ich ganz allein für die komplette Organisation zuständig. Es

gab keine Internetplattformen, um Veranstaltungen zu bewerben. Von der Pressemitteilung,

dem Erstellen von Plakaten und Eintrittskarten bis zur Vorbereitung des

Veranstaltungsraumes, Bestuhlung, Dekoration, Pausengestaltung, lag alles in meiner Hand.

Die Veranstaltungen zusammen mit der Bücherei habe ich ebenfalls in guter Erinnerung und

natürlich das Frauenfest, das ich gemeinsam mit der Flüchtlingskoordinatorin zusammen

veranstaltet habe. Sie hat mich auch immer wieder zum Frauentreff eingeladen, dem bin ich

gerne nachgekommen um von der Gleichstellungsarbeit zu erzählen. Auch die Gespräche

mit geflüchteten Frauen waren für mich bereichernd.

 

 

Wie sehr hat die Gleichstellungsarbeit Sie selbst beeinflusst?

Sie hat mir in vielen Bereichen den Blick geschärft. Früher hätte ich nie gedacht, wie viele

Bereiche es immer noch gibt, in denen Benachteiligungen von Frauen an der Tagesordnung

sind. Viele Bereiche nehme ich heute ganz anders wahr. Ich merke gerade an meinen

Töchtern, was ich diesen bewusst und unbewusst an Gleichstellungsthemen vermittelt habe.

Sie sind sehr interessiert an Geschlechtergerechtigkeit, empfinden das Gendern als etwas

ganz Natürliches, können ihre Einstellungen gut vertreten.

 

 

Wie würden Sie die Stelle in kurzen Worten beschreiben?

Es ist ein Job in der Verwaltung, der viele Möglichkeiten bietet und ein sehr breites Spektrum

umfasst. In keinem anderen Bereich der Verwaltung hat man so viel Möglichkeit, seinen

Arbeitsbereich selbst zu bestimmen und zu gestalten. Das ist schon etwas Besonderes. 

 

Worin sehen Sie die aktuellen Herausforderungen der Gleichstellungsarbeit?

In Zeiten des Antifeminismus muss man sich selber schützen. Digitale Gewalt, Angriffe auf

Frauen in den sozialen Medien spielen eine immer größere Rolle. Der Bereich Gewalt gegen

Frauen stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Ich habe das Gefühl, je

selbstbewusster die Frauen werden, umso mehr sind sie Anfeindungen ausgesetzt. So

verlagern sich langsam die Themen, aber die Wichtigkeit dieser Aufgabe bleibt bestehen.

 

Andererseits habe ich mir aber auch gesagt, solange keine kommt und sagt, dass sie das

besser machen kann, mache ich weiter. So wurden es 30 Jahre. Außerdem muss man mit

den Gegebenheiten die im Rathaus vorherrschen, klarkommen, das kann auch mal ein

Balanceakt sein. 

 

 

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis für die Gleichstellungsarbeit?

Gleichstellungsarbeit erfordert meiner Meinung nach oftmals eine Politik der kleinen Schritte.

Meiner Erfahrung nach ist das Feingespür dafür, was geht und was ich lieber erstmal sein

lasse, wichtig. Ich habe daran gearbeitet ein Sprachrohr zu werden, dass meine Meinung

gehört wird. Durch die vielen anderen Aufgaben in der Verwaltung hatte ich hin und wieder

Zweifel, ob ich genug in Sachen Gleichstellung mache. Ich wollte der Stelle gerecht werden.

Eine Gleichstellungsbeauftragte muss gegenüber der Führungsebene darlegen, wann und in

welcher Form sie einzubinden ist. Das geht nicht immer ohne Konflikte. Meine Anerkennung

musste ich mir durch Fachlichkeit erarbeiten.

 

 

Wie stehen Sie zu Ihrem Abschied von dieser Aufgabe?

Ich gehe mit einem lachendem und einem weinenden Auge. Einerseits freue ich mich auf

den Ruhestand, andererseits habe ich diese Arbeit sehr gern gemacht. 

Daher werde ich auch weiterhin in diesem Thema verankert bleiben. Zum Glück gibt es

genug Möglichkeiten, auch privat oder ehrenamtlich dran zu bleiben. Man wird mich sicher

auf der ein oder anderen Veranstaltung meiner ehemaligen Kolleginnen wiedersehen.

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